Veranstalter:
Logo Landkreis Dahme-Spreewald

gefördert vom:
Logo Land Brandenburg
Logo Kulturland Brandenburg

 

 

Logo-Spektrale10, Kunstausstellung des Landkreises Dahme-Spreewald

WAS DER BAUER NICHT KENNT, …!

15. Mai bis 11. September 2022

Spektrale 10 / Teilnehmer


1 BEATE BOLENDER

BEATE BOLENDER
Kasel-Golzig

Webseite: www.glassignal.de

BEATE BOLENDER

VITA

  • *1946 in Delitzsch
  • 1966-1970 Studium und Staatsexamen an der Pädagogischen Hochschule in Dresden, Fachrichtung Deutsch/Kunsterziehung
  • 1970-1977 Tätig als Kunstpädagogin
  • seit 1979 Ausbildung als Kunstglaserin und Glasmalerin bei der Denkmalpflege in Dresden
  • 1980 freiberufliche Glasgestalterin mit eigener Werkstatt
  • 1988 Gaststudium an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, Glasseminar bei Karl Hartwig
  • 1989 Meisterausbildung in der Hochschule für industrielle Formgestaltung, Burg
  • 1990 Meisterausbildung in der Hochschule für industrielle Formgestaltung, Giebichenstein, Halle/Saale, Meisterbrief bei Günther Grohs
  • 2008 Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn nach China, Aufenthalt in Peking und Shanghai
  • seit 2011 jährliches Werkstatt-Treffen in Kasel-Golzig; Zusammenarbeit mit Malern, Autoren, Wissenschaftlern, Bildhauern und Architekten

Aufbau Beate Bolender

Festtafel – Lebensart heute

Bezogen auf Tischkultur als Bestandteil der Lebenskultur im engeren Sinn geht Beate Bolender mit der von ihr gestalteten Festtafel weit in die Geschichte zurück. Die Glaskünstlerin hat mittelalterliche Tischsitten ebenso recherchiert wie die Festgelage des Adels im 18. Jahrhundert bis zu den bürgerlich geprägten Essgewohnheiten seit dem 19. Jahrhundert. In diesen zurückliegenden Epochen galten das gemeinschaftliche Essen, das Feiern und die lockere Kommunikation bei Tisch als die prägenden Merkmale. Die Zeiten, wo zu bestimmten Anlässen das sogenannte gute Geschirr aus dem Vertiko geholt wurde, Servietten gefaltet und das Tafelsilber aufgelegt wurde, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Essen ist zur notwendigen Nebensache geworden, die zwischen Imbissbude, Fastfood und heimischem Kühlschrank unterschiedlich vollzogen wird. Dem Verlust an Esskultur im größeren Kreis mit guten Gesprächen versucht Beate Bolender mit der prächtigen Festtafel, die sich durch enorme Formenvielfalt und rauschhafte Farbigkeit auszeichnet, entgegen zu wirken. Mit den rund 150 gläsernen Geschirrteilen schafft sie eine geglückte Verbindung zwischen traditionellem Formengut und modernen Anforderungen an originelle Gestalt und Dekor. So sind beispielsweise in einzelne Objekte Küchenkräuter eingeschmolzen, für andere wurden Naturformen wie Blüten zum Vorbild. Wären da noch die kleinen Schalen aus Klarglas, gefüllt mit exotischen Gewürzen wie Roter Pfeffer, Kurkuma, Curry oder Safran, die um eine große Reisschale gruppiert sind, womit noch weitere Farbkomponenten die Betrachter einladen, Platz zu nehmen und in der Vorstellung köstliche Speisen aus wundersamem Geschirr zu genießen. Bleibt zu hoffen, dass diese visuelle Anregung nicht nur dem  Auge ein Fest bereitet, sondern Gäste anregt, miteinander zu feiern, zu reden und vielleicht sogar gemeinsam zu singen. hs

 

 

     2 SUSANNE THÄSLER-WOLLENBERG

SUSANNE THÄSLER-WOLLENBERG
Schulzendorf

Webseite: www.susanne-thaesler.de

SUSANNE THÄSLER-WOLLENBERG

VITA

  • * in Wolfsburg, Ausbildung zur Farbenlithografin, danach zweiter Bildungsweg
  • 1978-1984 Studium der Kunstpädagogik und freien Kunst an der HfBK in Braunschweig, Studium der kulturellen Erwachsenenbildung bei Dr. Georg Kiefer, Schülerin bei Christiane Möbus (experimentelle Bildhauerei) Roland Dörfler (Zeichnung)
  • 1984 Auszeichnung des Niedersächsischen Kultusministers für besondere studentische Leistungen ( Examensarbeit „Zur Situation der Frauen in der Kunst“)
  • 1985 Künstlerstipendium des DAAD, einjähriger Studienaufenthalt in New York City
  • 1990 Initiatorin der Produzentengalerie „Querformat“, Berlin
  • 1995-2016 Lehrtätigkeit an einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln, Zahlreiche partizipative Kunst- und Kulturprojekte
  • seit 1998 wohnhaft in Schulzendorf
  • Zurzeit Karikaturistin und Korrespondentin für die Monatszeitung „DER UHU“

 

Klimahülle

Der Schriftsteller und Zeichner Paul Scheerbart schrieb 1921 in seinen „Glashausbriefen“:

„Die Erdoberfläche würde sich sehr verändern, wenn überall die Backsteinarchitektur von der Glashausarchitektur verdrängt würde. Wir hätten ein Paradies auf Erden und brauchen nicht sehnsüchtig nach dem Himmel auszuschauen!“
Im 20 Jahrhundert  erfüllte sich in vielen Bauwerken der  Architektur diese Utopie.  Das Paradies, das der Schriftsteller sich ausmalte, hat sich jedoch verkehrt.

Klimatisierte Glas- und Kunststoffräume umgeben die Menschen und Pflanzen.   In diesen Atmosphären  gedeihen neue Biotope. Außen und innen sind vertauscht und transparent geworden, scheinen zu verschmelzen. Die Erweiterung der Welt hat gleichzeitig an deren Grenzen geführt.  Menschen leben in ihrer selbst geschaffenen Umgebung und erfahren die Konsequenzen ihres eigenen Handelns.  Sie erleben nicht nur ihre eigene Zerbrechlichkeit, sondern die Endlichkeiten ihrer Welt.

Muster des Gewächshauses, der Insatllation Nendo dango – Samenbombe, Spektrale 10

Muster des Gewächshauses, der Insatllation Nendo dango – Samenbombe, Spektrale 10

Skizze Nendo dango – Samenbombe, Spektrale 10

Skizze Nendo dango – Samenbombe, Spektrale 10

 

 

Nendo dango – Samenbombe

Schon im Wort deutet sich eine Ambivalenz an. „Samen“, positiv konnotiert, assoziiert Fruchtbarkeit und bildet einen Widerspruch zum Begriff „Bombe“. Dieser Doppeldeutigkeit soll in der Installation nachgegangen werden. Was unter der Klimahülle des Glashauses wie eine Bombe „explodiert“, ist die Grundlage unserer Existenz, der Samen regionaler Gemüsepflanzen.

 

3 KERSTIN BRAGENITZ

KERSTIN BRAGENITZ

Königs Wusterhausen, OT Zernsdorf

E-Mail: kerstinbragenitz@web.de

KERSTIN BRAGENITZ

VITA

  • *1964 in Berlin
  • 1982 Abitur an der Kant-EOS
  • 1984 Ausreiseantrag,
  • 1986 Abenddienst im Deutschen Theater
  • 1988 Ausreise in die Bundesrepublik (Gießen, Karlsruhe, Bayern)
  • 1988-1993 Studium Theaterwissenschaft und Ethnologie an der Freien Universität Berlin
  • seit 1993 Arbeit in Berliner Museen, ab 1999 im Ethnologischen Museum, Beginn der Ethnokunst
  • seit 1999 Umzug von Berlin nach Zernsdorf
  • 2021 Lausitz-Paradies…drei Installationen

„WortSpiegel“

Ausgehend vom Sprichwort „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ und dem darin enthaltenen Verweis auf die Esskultur ist die Installation „WortSpiegel“ entstanden. Hierbei handelt es sich um einen 3 x 1,25 m großen Tisch, auf dessen Tischplatte 20 sorbische Sprichwörter aufgebracht sind. Diese Sprichwörter können kombiniert werden. Bei richtiger Zusammenstellung spiegeln sich auf der Unterseite 20 historische Gerichte ab, die im Spreewald und in Brandenburg gegessen wurden.

Sprichwörter bringen Wahrheiten auf den Punkt. Sie basieren auf Lebenserfahrungen. Im deutschen Sprachgebrauch soll es über 250.000 Sprichwörter geben. Die Weisheiten der Sprichwörter begleiten uns und sind allgemein bekannt. Ihre Genialität liegt darin, dass sie jederzeit aktuell sind. Das Sprichwort „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ ist eher negativ konnotiert. Es wird abfällig benutzt, um Engstirnigkeiten von Mitbürgern zu benennen. Aber wie offen und tolerant sind wir heutzutage wirklich? Würden wir das essen, was Bauern früher gegessen haben? Sind wir bereit, etwas Neues auszuprobieren oder möchten wir bei Altvertrautem bleiben?

Die Aktualität der Sprichwörter kann hinterfragt werden. In der Installation bedeutet das konkret, dass die Sprichwörter gemischt und neu zusammengefügt werden können. So ergeben sich z.B. aus „Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ und aus „Was schmeckt, schadet nicht“ die Kombinationen „Was der Bauer nicht kennt, schadet nicht“ und „Was schmeckt, frisst er nicht“. Die Freude am Neuzusammenstellen ist erwünscht. Gleichzeitig mit den Sprichwörtern ändern sich auch die Gerichte im Spiegelbild und so gibt es dann z.B. den „Dachs roh“ zu essen und die „Quarkbabe mit Speck“. Letztendlich wird man die Sprichwörter und somit auch alle historischen Gerichte so kombinieren wie sie richtig sind.

 4 Ulla Havelberg

Ulla Havelberg
Mittenwalde

Website: www.sieghard-auer.de

ULLA HAVELBERG

VITA

  • *in Bayreuth, lebt und arbeitet in Berlin und Töpchin Beruf, Familie, Kindererziehung, Erwachsenenbildungs- u. kreative Kunst-Kurse
  • 1992 – 2010 Berufsleben im medizinischen Bereich in Dresden
  • 2010 – 2013 Berlin, Medizinische Hochschule
  • seit 2014 Kreatives Arbeiten in der Ateliergemeinschaft Töpchin
  • 2015 Teilnahme an Gruppenausstellung Exterritoriale3 in Lübben, mobile Rauminstallationen
  • 2015 – 2019 Pantomimearbeit mit Anke Gerber und Clownerie-workshop mit Lena Binski
  • 2021 Gruppenausstellung Łužyca paradiz Rathaus Lübben, Straßenplakatgalerie „Lausitz Paradies“ im Spreewald

Baba-Jaga-Haus auf Rädern

Baba Jaga, die der slawischen Mythologie entstammende Totengöttin, gleicht in vielen Details der in der mitteleuropäischen Märchenwelt beheimateten Hexe. In wie weit die Zauberkräfte der Göttin auf Sieghard Auer und Ulla Havelberg übergegangen sind, kann nur vermutet werden. In der Interpretation der beiden Baukünstler steht das Haus der Baba Jaga zwar nicht auf Hühnerbeinen und auch auf die Abwehrkräfte von Totenköpfen wurde verzichtet, dennoch wohnt der ungewöhnlichen Behausung ein Zauber inne. Der liegt zunächst in den Materialien begründet, die eingesetzt wurden, die ob der ungewöhnlichen Kombination von Holz und allerlei zweckentfremdeten Fundstücken staunen machen. Als Architekt geht Sieghard Auer bei der Bearbeitung der Form vom Material aus, das er mit gezielten Eingriffen verändert, ohne die Grundeigenschaften oder den Charakter zu verkleiden. Die Spuren der Bearbeitung bleiben ablesbar erhalten. Sicher nicht nur in Verehrung seines Lehrers Frei Otto spielen Zeltformenwie und expressive Raumformen eine wichtige Rolle in seiner Gestaltungsauffassung. Permanent entwickelt er neue Aspekte der plastischen Raumgestalt, wobei er häufig das Statuarische hin zu offenen Gestaltungen aufbricht, die er in neue Raumzusammenhänge stellt. Es geht darum, ökologisch zu bauen, regionale Kreisläufe zu nutzen und vorrangig nachhaltige Werkstoffe zum Einsatz zu bringen. Dank Bodenhaftung, Naturverbundenheit und transparenter Konstruktion stellt das Haus der Baba Jaga eine gelungene Alternative zu den himmelweisenden Architektursensationen der Gegenwart in aller Welt dar. Die Räder symbolisieren dabei Mobilität, Ortswechsel, Lust auf Veränderungen. Von daher versteht sich das offene Haus als Bild für kulturelles Nomadentum, das keine Grenzen kennt. hs

Zwiebel, Detail der Installation

Zwiebel, Detail der Installation

Windspiel, Detail der Installation

Windspiel, Detail der Installation

Bauteile, Details der Installation

Bauteile, Details der Installation

 

4 Sieghard Auer

Sieghard Auer
Mittenwalde

Webseite: www.sieghard-auer.de

SIEGHARD AUER

VITA

  • 1955 Geboren in Heilbronn
  • 1973-1976 Studium1973-1976 Summermeetings in Achberg
  • 1976-1977 École des Beaux Arts ENSBA Paris
  • 1978-1981 Technische Universität Stuttgart
  • 1981 Diplom als Architekt bei Prof. Hübner und Forschungsarbeit bei Prof. Frei Otto
  • 1982-1987 selbständiges Architekturbüro Atelier d’Architecture Lasalle, Dept. Gard, France
  • seit 1988 Projektbezogene Mitarbeit bei deutschen, französischen und niederländischen Architektenteams
  • 1988-1993 in Stuttgart bei Kammerer+Belz IBM Rechenzentrum Ehningen bei U. Oelssner + H. U. Kahl Johanniskirche Möhringen
  • seit 1994 Ateliergemeinschaft Archityp in Töpchin, Architekturprojekte für verschiedene Büros in Berlin, darunter Projektleitung Innenarchitektur Galéries Lafayette, diverse Kunstprojekte im öffentlichen Raum, Seminare für französische und niederländische Architekturstudenten

 

Baba-Jaga-Haus auf Rädern

Baba Jaga, die der slawischen Mythologie entstammende Totengöttin, gleicht in vielen Details der in der mitteleuropäischen Märchenwelt beheimateten Hexe. In wie weit die Zauberkräfte der Göttin auf Sieghard Auer und Ulla Havelberg übergegangen sind, kann nur vermutet werden. In der Interpretation der beiden Baukünstler steht das Haus der Baba Jaga zwar nicht auf Hühnerbeinen und auch auf die Abwehrkräfte von Totenköpfen wurde verzichtet, dennoch wohnt der ungewöhnlichen Behausung ein Zauber inne. Der liegt zunächst in den Materialien begründet, die eingesetzt wurden, die ob der ungewöhnlichen Kombination von Holz und allerlei zweckentfremdeten Fundstücken staunen machen. Als Architekt geht Sieghard Auer bei der Bearbeitung der Form vom Material aus, das er mit gezielten Eingriffen verändert, ohne die Grundeigenschaften oder den Charakter zu verkleiden. Die Spuren der Bearbeitung bleiben ablesbar erhalten. Sicher nicht nur in Verehrung seines Lehrers Frei Otto spielen Zeltformenwie und expressive Raumformen eine wichtige Rolle in seiner Gestaltungsauffassung. Permanent entwickelt er neue Aspekte der plastischen Raumgestalt, wobei er häufig das Statuarische hin zu offenen Gestaltungen aufbricht, die er in neue Raumzusammenhänge stellt. Es geht darum, ökologisch zu bauen, regionale Kreisläufe zu nutzen und vorrangig nachhaltige Werkstoffe zum Einsatz zu bringen. Dank Bodenhaftung, Naturverbundenheit und transparenter Konstruktion stellt das Haus der Baba Jaga eine gelungene Alternative zu den himmelweisenden Architektursensationen der Gegenwart in aller Welt dar. Die Räder symbolisieren dabei Mobilität, Ortswechsel, Lust auf Veränderungen. Von daher versteht sich das offene Haus als Bild für kulturelles Nomadentum, das keine Grenzen kennt. hs

 

Zwiebel, Detail der Installation

Zwiebel, Detail der Installation

Windspiel, Detail der Installation

Windspiel, Detail der Installation

Bauteile, Details der Installation

Bauteile, Details der Installation

5 Irene Anton

Irene Anton

VITA

  • *1966 in Darmstadt, lebt und arbeitet in Berlin, Lübbenau und dem Rest der Welt

  • 2002 – 2005 Universität der Künste Berlin, Masterstudium für „art in context“

  • 1989 – 1994 Hochschule der Künste Berlin, Studium der Fachrichtung Industrial Design

  • 1988 – 1989 Bergische Universität- Gesamthochschule Wuppertal, Basisjahr für Industrial-Design

  • 1986 – 1988 Akademie voor beeldende Kunst (AKI) Enschede-Niederlande

  • Seit 1996 Ausstellungen, Künstlerresidenzen, Symposien, Stipendien und Kunstpreise im In- und Ausland – darunter u.a. InterStip, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Land Brandenburg, 2015 / Sonderstipendium Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, 2020 / Gelderner Turmstipendium, 2009 / Reisekostenförderung Costa Rica, Deutsche Botschaft San José, 2010 / Reisekostenförderung Suriname, Deutsche Botschaft Port of Spain, 2011.
  • seit 2015 Arbeit als freischaffende Übersetzerin und Texterin

  • seit 2005 Kunstworkshops für Kinder, Jugendliche und Erwachsene

  • 2008 – 2011 Lehrtätigkeit an der Kurt-Schwitters-Oberschule in Berlin.

 

Krypto-Grafik der Verschwendung

„Was der Bauer nicht kennt …“ ist mittlerweile ein etwas „durchgekautes“ Sprichwort, das sich auf das Fremdeln – die Scheu vor dem Unbekannten – bezieht, und zwar nicht nur im Hinblick auf das Essen. Heutzutage könnte dies ebenso umgemünzt werden, denn „der Bauer“ kennt das, was auf dem Feld und a Baum wächst, besser als jeder Durchschnittsverbraucher. Dafür, dass die meisten Verbraucher nicht mehr wissen, wie authentisches Obst und Gemüse aussieht, sorgen seit geraumer Zeit absurde EU-Normen, die Größen und Formen für den Verkauf vorgeben. Tonnenweise werden deshalb wertvolle Lebensmittel weggeworfen, vernichtet und bestenfalls an das Vieh verfüttert. Zusammengewachsenes Gemüse und Obst oder solches mit skurrilen Formen passt nicht ins Bild der Perfektion und Uniformierung – alles muss leicht stapelbar sein, ordentlich in Reihe und Glied im Supermarktregal liegen und ist leider immer noch größtenteils mit Chemikalien behandelt, denn im Durchschnittssupermarkt macht Bioware immer noch einen relativ geringen Anteil des Sortiments aus. Verbraucher werden durch dieses Diktat der Normierung von der Normalität entfremdet, denn sie wird ihnen durch diese Art von Lebensmittelzensur vorenthalten.

All dies zielt auf „Was der Verbraucher nicht kennt, das frisst er nicht.“ Vor allem vor dem Hintergrund des Welthungers und dem ohnehin ausgebeuteten Planeten ist das eine extrem fehlgesteuerte Entwicklung und Ressourcenverschwendung. Wieviel Agrarfläche könnte sinnvoller für den Anbau von umweltfreundlicheren Agrarprodukten – unter anderem für inzwischen recht gut weiterentwickelten proteinhaltigen Fleischersatz – oder gar nicht genutzt und naturbelassen werden? Dabei machen diese sogenannten abnormen Formen die ganze Vielfalt der Agrarprodukte erst interessant. Etwas Hoffnung besteht dennoch, denn inzwischen gibt es tendenziell immer mehr Bewegungen und Start-ups, die es sich auf die Fahnen geschrieben haben, Lebensmittel zu retten und „imperfektes“ Obst und Gemüse zu vermarkten – nicht zuletzt, um auch der ungesunden Fast-Food-Ernährung entgegenzuwirken. Dies ist bisher allerdings nur der berühmte „Tropfen auf den heißen Stein“, und die Rettung von wertvollen verzehrbaren Lebensmitteln müsste weiter in das kollektive Bewusstsein rücken.

Das Holzpanel zeigt exemplarisch ausgefräste Umrisse verschiedener aus der Norm fallender Obst- und Gemüseexemplare. Diese muten wie sonderbare Zeichen und Formen an, die nicht direkt auf den ersten Blick erkennbar sind, und sollen Passant*innen zum Nachdenken anregen – in Form einer Krypto-Grafik der Verschwendung.

„Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. – Würde der Städter kennen,
was er frisst – er würde umgehend Bauer werden.“

Oliver Hassencamp

 

6 HANNES FORSTER

HANNES FORSTER
Mochlitz

Webseite: www.hannes-forster.de

HANNES FORSTER

VITA

  • *1955 in Tuttlingen/Baden-Württemberg
  • 1979-1986 Studium an der Hochschule der Künste, Berlin
  • 1984 Meisterschüler daselbst bei Prof. Herbert Kaufmann
  • 1985-1987 Stipendium Deutsch-Französisches Jugendwerk, HdK Berlin
  • 1989-2002 Arbeitsstipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, Berliner Senat, Land Brandenburg; kunstpreis junger westen, Förderkoje artcologne
  • 1993 Arbeitsstipendium des Berliner Senats
  • 2002 Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg.

Gestrandete Brücke

Vor ziemlich genau 200 Jahren schuf Caspar David Friedrich das Bild „Die gescheiterte Hoffnung“, das ein im Eismeer gefangenes Schiff zeigt. Mit diesem eindrucksvollen Bild, das für Verlassenheit und Verlorenheit steht, setzte der Meister der deutschen Frühromantik zugleich ein Zeichen der Hoffnung, das über die Schiffskatastrophe im ewigen Eis hinausweist. Nun ist die abgerissene Brücke in Lübbens eisfreiem Hafen 1, deren Pfeilerreste noch aus dem Wasser ragen, schwerlich mit der Dimension der gescheiterten Hoffnung zu vergleichen. Allein die Funktion dieser Brücke war schon immer fraglich. Sie verband nämlich keine Ufer, sie stand parallel zur Kahnanlegestelle. Keine Verbindung, dagegen Behinderung des Kahnverkehrs zum Verdruss der Fährleute. Um die lange Zeit nicht hinterfragte Absurdität nachträglich auf die Spitze zu treiben, konstruierte Hannes Forster die „gestrandete Brücke“. Sie besteht aus den Bohlen, die bei der Erneuerung der Anlegestelle 2022 entfernt wurden. Als optische Verlängerung der bestehenden Pfeilerreste im Wasser führt die wesentlich kleinere Ausführung nirgendwohin und ist auch nicht begehbar. Als Schaustück liegt sie schräg auf dem Land und kolportiert die Sinnlosigkeit der großen Brücke,  deren Reste zumindest noch den ursprünglichen Verlauf der Konstruktion anzeigen. So versteht die gestrandete Brücke sich auch als optische Verlängerung der Pfeilerreste, wodurch die Nicht-Funktionalität der ursprünglichen Brücke verdeutlicht und die Absurdität noch einmal gesteigert wird. hf/hs

 

7 UDO KECK

UDO KECK
Jamlitz

Webseite: www.udo-keck.de

UDO KECK

VITA

  • *1964 in Weimar
  • 1980-1982 Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker bei VEB/SBK Wasserbau Dresden
  • 1986 Umzug nach Berlin West
  • 1986-1988 Arbeitslosigkeit – Orientierungsphase – autodidaktisches Studium
  • 1988-1991 Erlangung der Hochschulreife
  • 1991-1993 Studium der Lateinamerikanistik, Germanistik und Kunstgeschichte, Freie Universität Berlin
  • 1993-2004 Kunststudium, Hochschule der Künste Berlin, HdK
  • seit 1998 päd. Betreuungsarbeit
  • 2001 Absolvent Bildende Kunst, Hochschule der Künste Berlin Fakultät Bildende Kunst, Fachklasse Prof. Joachim Schmettau
  • 2002 Meisterschülerernennung, Universität der Künste Berlin, Fachklasse Prof. Schmettau
  • 2004 Erstes Staatsexamen, Kunst L1
  • seit 2004 freischaffender Künstler, diverse Lehrtätigkeit

Holzköpfe

Mit dem Begriff Holzkopf werden umgangssprachlich häufig Menschen mit einem hohen Anteil an Sturheit, geistiger Unbeweglichkeit unbegründeter Ablehnung allem Neuen gegenüber bezeichnet. Von daher stehen Udo Kecks Holzköpfe symbolisch für eine Verweigerungshaltung, die mit dem derben Sprichwort Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht, längst nicht nur für diese soziale Gruppe zum geflügelten Wort geworden ist. Bei den mit der Kettensäge aus dem Stamm der Robinie herausgearbeiteten, kaum nachbehandelten und zentrierten Grundformen, hat der Bildhauer Udo Keck sich ganz auf deren plastische Präsenz, die sich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion bewegt, konzentriert. An einer Verlebendigung im Sinne äußerer Porträtähnlichkeit war ihm nicht gelegen. Ganz bewusst verzichtete er auf eine sich anbietende Schilderung körperlicher Merkmale und deren individuelle Ausprägung, um Identifikationsmöglichkeiten nicht von vornherein einzuschränken. Mit der extremen Formvereinfachung, die auf ein geheimnisvolles Inneres verweist und der Verschränkung von organischer Form und abstrakter Struktur, verschafft er dem poetisch-metaphorischen Potenzial der Köpfe einen über den ironischen Reflex hinausweisenden größeren Spielraum. hs

8 ANNA GRUNEMANN

Anna Grunemann, ausstellende Künstlerin bei der Spektrale 10, Foto: Andreas Graf

Anna Grunemann, ausstellende Künstlerin bei der Spektrale 10, Foto: Andreas Graf

ANNA GRUNEMANN
Jamlitz

ANNA GRUNEMANN

VITA

  • *1969 in Beeskow
  • 1985-1987 Abitur EOS Beeskow
  • 1987–1991 Studium auf Lehramt (Sek I + II – Klassenstufen 6-12 ) Mathematik und Kunsterziehung an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt, Abschluss als Diplomlehrer
  • 1991-1999 Studium der Freien Kunst an der FH Kunst und Design Hannover – FB Bildende Kunst Abschluss mit Diplom
  • 1999-2000 Meisterschülerin bei Professor Ulrich Baehr, FH Kunst und Design FB Bildende Kunst Abschluss mit der Ernennung zur Meisterschülerin
  • seit 2000 Tätigkeit als freischaffende Künstlerin und Kunstvermittlerin, Organisatorin, und Kuratorin

Verhältnisse

Dass der Bauer lieber nicht isst, was er nicht kennt, ist vielleicht gar keine so schlechte Angewohnheit – verhindert es doch Vergiftungen aus Unwissenheit und schützt vor bedrohlichen Überreaktionen oder Verstimmungen des Körpers. ….Unter zahllosen bekannten Angststörungen habe ich die Xenophobie in den Mittelpunkt meiner  Installation gestellt. Die Angst vor dem Fremden ist in ländlich geprägten Regionen verbreitet und wohl selbst als eine Überreaktion zu bewerten. Angst ist etwas Einschränkendes und nicht umsonst wird von einer Störung gesprochen, erst Recht, wenn die Ängste irrational erscheinen. Dieser irrationalen Xenophobie setze ich Fakten entgegen, das Fremde neu zu bewerten. Unter der Brücke ist ein Meer von im Licht reflektierenden farbigen Täfelchen von der Größe eines Kofferanhängers installiert. Jedes Täfelchen steht für 50 Einwohner*innen des Landkreises. Insgesamt zählt der Landkreis zurzeit 175 062 Einwohner*innen. Laut Ausländerzentralregister lebten davon im Landkreis Stand 31.12.2021 10 240 Personen aus 198 Herkunftsnationen. 38% von diesen 10 240 Menschen stammen aus EU-Ländern, sind also keine klassischen Flüchtlinge. Die größten Nationengruppen habe ich für die Installation frei mit Farbzuweisungen zusammengefasst, die außer bei den eingeborenen Landkreisler*innen an die Nationalflaggen der Herkunftsländer angelehnt sind. So ergibt sich ein großes wogendes Meer aus 3296 blauen Täfelchen (wir sind ja hier im Landkreis LDS nah am Wasser und doch alle EU Bürger*innen) mit Einsprenkelungen aus 84 grünen (für Bürger*innen der EU), 43 roten (für Bürger*innen der Türkei und Afganistan), 11 gelben (für Bürger*innen aus der Ukraine und Vietnam) und 67 weißen Täfelchen (für Bürger*innen aus der Russischen Förderation, Syrien, Bulgarien und Indien). In der Überlagerung ergänzen sich die Farbplättchen zu einem anmutigen Farbteppich, der die Brücke, auf der täglich Menschen unterschiedlichster Herkunft passieren, zu tragen scheint. So wird das angstbesetzte Bild der Fremden in den weit sichtbar im Sonnenlicht blinkenden blauen Reflexraum assimiliert. ag

 

9 RAINER W.GOTTEMEIER

RAINER W.GOTTEMEIER
Potsdam-Fahrland

Webseite: www.rainer-gottemeier.net

RAINER W.GOTTEMEIER

VITA

  • *1949 in Berlin, lebt und arbeitet in Potsdam
  • 1959-1969 Musikausbildung- klassische Gitarre
  • 1969-197 Arbeit als Musiker- Liedermacher-4 veröffentlichte LP‘s Konzerte Auftragsarbeiten für Rundfunk und TV
  • 1979 Beginn der Arbeit mit konzeptueller Fotografie
  • 1986 Erfindung der Cameramusik – KeimCode. Klangwerke mit Fotoapparaten & symphonischem Gong u. a. CD-Produktion: Keimcode
  • 1989 „Weitblick- Aspekte einer Kunst mit Fotografie“ Universitätsmuseum Marburg, seitdem intensive Zusammenarbeit mit dem „Institut für Untersuchungen von Grenzzuständen ästhetischer Systeme, Bamberg (Prof. Hubert Sowa, Prof. Dieter Wuttke, Friedolin Kleuderlein (Mentoren)
  • 1990 „Ceterum Censeo“, Künstlerhaus Bethanien, Berlin

PoesieCanal – Lichte Früchte

Stilisierte gläserne Schiffchen funkeln facettenreich über dem Kanu-und Paddelbootsverkehr im Wasser der Spree. Das ungewöhnliche Ereignis thematisiert das zentrale Sinnbild der künstlerischen Intervention zum Motto „Was der Bauer nicht kennt…“  Boote die im Wind über der Wasserlandschaft schaukeln und unterschiedlichste Assoziationen wecken, verwandeln den Ort in einen Canal der Poesie, eine Poesie der besonnenen Art. Boote an den Bäumen wie Früchte im Garten Eden. Was der Bauen nicht kennt… Von roten Schutznetzen ummantelt, hängen Signalrettungsbojen wie Südfrüchte im Korb der Obsthändler. Die Netze bieten Schutz vor Verletzungen. Leicht erhöht über dem Wasserspiegel stehen horizontblau pulsierende Neonstabbojen. Deren vertikale Lichtlinien verströmen eine Atmosphäre der Stille. Sie sind die Wächter der paradiesischen Früchte und Taktgeber des Raumes.

Im Licht der brandenburgischen Historie sind die vielfarbigen gläsernen Schiffsskulpturen auch Symbole einer Patchworkfamilie. Sie kultivierte hier im Laufe der Jahrhunderte eine Landschaft, die maßgeblich von Einwanderung und den damit verbundenen natürlich bedingten Einflüssen verschiedener Kulturen profitieren konnte. Die vier Lichtsäulen symbolisieren vier Migrationsströme, die Brandenburg im wesentlichen mitgestalteten: Holländer, Österreicher, Franzosen und Schweizer.

Es geht mir um Irritation, um das Erleben und Registrieren eines Ereignisses, welches dem jeweiligen Betrachter neue Blickwinkel eröffnet. In der Antike beschrieb man eine derartige Situation mit …das unbeschreibliche Lächeln des Meeres… wenn man etwas Neues sah oder Altes mit neuen Augen betrachtete. Diese Sicht hat ein kreatives Moment, einen Blick, der die Neugier auf die Zukunft richtet. Im Sinne von Hölderlins “Patmos-Hymne … wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“,  ist die Installation ein heiterer Ruf in die bezaubernde Wasserlandschaft von Lübben. rwg

 

 

    10 HARALD MÜLLER

HARALD MÜLLER
Töpchin

Webseite: www.herrmueller.eu

HARALD MÜLLER

VITA

  • *1960 in Bamberg
  • 1982 Studium an der Hochschule der Künste (HdK)
  • 1984-1985 École des Beaux Arts, Paris
  • 1989 Meisterschüler bei Prof. Schmettau, HdK Berlin
  • 1994 Lehrauftrag für plastisches Gestalten an der FH Anhalt-Dessau Lebt und arbeitet in Töpchin
  • 2015 Großer Preis für Peer-Gynt-Figur in Oslo

 

Flurstück

Wie sieht, mit Blick auf die Lebensart in Brandenburg, unsere Zukunft aus? Wie wollen wir leben? Mit welchen Erwartungen schauen wir in die nächsten Jahrzehnte? Angesichts von Klimawandel, Umweltschäden wie Waldsterben, Trockenheit und anderen extremen Wetterbedingungen hat Harald Müller sich dieser anthropologischen Fragestellung aus der Sicht der Landwirtschaft und ihrer existenziellen Bedeutung für unser Dasein genähert. Landwirtschaft als alte Kulturtechnik, inzwischen hochindustrialisiert mit international standardisierten und designten Produkten, gehört zu dem Themenbereich, der uns in Erwartung zukünftiger Naturkatastrophen mehr denn je beschäftigen wird. Mit dem bewegten „Flurstück“, das aus 200 Halmen besteht, die in unregelmäßigen, alle EU-Normen negierenden Abständen zwei Meter hoch aus dem Rasen „wachsen“, ist ein illustres Sinnbild für gestylte Grundnahrungsmittel geschaffen. Dieses bei Wind wogende Feld aus Kunstpflanzen strukturiert und modelliert den umgebenden Raum. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die weiß grundierten Halme und die sich kontrastreich abhebenden Fruchtstände, die in den gebrochenen Primärfarben Rot, Blau und Gelb gehaltenen sind. Aus gutem Grund kamen ausschließlich recyclebare Materialien zum Einsatz. Die Halme sind aus Schaumstoff, wie er zur Isolierung von Heizungsrohren verwendet wird. Im Innern stabilisieren Bambusrohre deren sturmerprobte Standfestigkeit. Die Botschaft dieses künstlerisch gestalteten, gleichwohl künstlichen Flurstücks könnte, mit ironischem Unterton folgendermaßen lauten: Was der Bauer nicht kennt, frisst er schon lange. Eine Erkenntnis, die wahrlich nicht nur dem im Sprichwort widerspenstigen Bauern betrifft. Würde mancher Stadtbewohner wissen, was er frisst, wäre er vielleicht lieber ein skeptischer Bauer. hs

 

 

gefördert vom:

Logo Landkreis Dahme-Spreewald

CzechEnglishGermanPolishRussian